Der Anti-Bias-Ansatz
Eine Einführung
Das englische Wort „bias“ bedeutet Voreingenommenheit, Schieflage oder Vorurteil. Der Anti-Bias-Ansatz zielt darauf, eine durch Einseitigkeit und Voreingenommenheit entstandene Schieflage ins Gleichgewicht zu bringen und Diskriminierungen abzubauen. Ziel der Anti-Bias-Arbeit ist die intensive erfahrungsorientierte Auseinandersetzung mit Macht und Diskriminierung sowie die Entwicklung alternativer Handlungsansätze zu unterdrückenden und diskriminierenden Kommunikations- und Interaktionsformen. Der Ansatz geht davon aus, dass jede_r Vorurteile hat. Es liegt die Annahme zugrunde, dass Vorurteile und Diskriminierungen nicht als individuelle Fehlurteile zu sehen sind, sondern in der Gesellschaft als Ideologien institutionalisiert sind und von den Subjekten erlernt werden. Dementsprechend können darauf basierende Verhaltensweisen wieder ‚verlernt’ und institutionalisierte unterdrückende Ideologien aufgedeckt und hinterfragt werden.
Ein Spezifikum des Anti-Bias-Ansatzes ist der Fokus auf jegliche Formen von Diskriminierung. Die Ausgrenzung und Herabsetzung von Menschen wird nicht nur in Bezug auf ethnisierende oder rassialisierende Kategorisierungen thematisiert, sondern genauso bezüglich des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, körperlicher und geistiger Gesundheit oder etwa der sozialen Schicht etc. Dabei sind besonders die vielschichtigen Verstrickungen und gegenseitigen Abhängigkeiten dieser verschiedenen Dimensionen untereinander von Bedeutung.
Eine weitere Besonderheit des Anti-Bias-Ansatzes ist der Einbezug der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene. Diskriminierung geht nicht allein von Vorurteilen Einzelner aus, sondern basiert auf vorherrschenden gesellschaftlich geteilten Bildern, Bewertungen und Diskursen. Dieser komplexe Zusammenhang reicht in vielen Fällen tief hinein in die institutionellen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen von Alltag und (pädagogischem) Handeln. Ein Ziel der Anti-Bias-Arbeit ist es, diese verschiedenen Dimensionen in ihren Bedeutungen bewusst zu machen und auch auf dieser Ebene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Wir verstehen den Anti-Bias-Ansatz als ein offenes Konzept, welches durch eine Reihe von Qualitätsaspekten (die in ständiger Diskussion auch mit anderen Anti-Bias-Aktiven ausgearbeitet wurden) seine sichere Basis hat und entwickeln den Ansatz davon ausgehend beständig weiter.
In Anti-Bias-Seminaren wird dazu eingeladen, die eigene Praxis zu reflektieren und Handlungsansätze gegen Diskriminierung und Unterdrückung zu entwickeln. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen werden die Funktionsweisen von Diskriminierung auf der zwischenmenschlichen, institutionellen und ideologisch-diskursiven Ebene kognitiv und emotional nachvollziehbar. Dabei wird auch die eigene Position im Kontext gesellschaftlicher Machtstrukturen reflektiert. Auf dieser Grundlage können Alternativen zu unterdrückenden und diskriminierenden Kommunikations- und Interaktionsformen für die eigenen Lebenszusammenhänge entwickelt werden.
Neben Selbstreflexionsübungen und theoretischen Inputs kommen in unseren Seminaren auch Methoden wie Biografie- und Theaterarbeit zum Einsatz.
Heute wird in Deutschland vorwiegend in Berlin, Hamburg und Oldenburg zu und mit dem Anti-Bias-Ansatz gearbeitet. Dabei lassen sich neben dem Bereich der politischen Erwachsenenbildung und der Implementierung im universitären Bereich zwei Arbeitsschwerpunkte ausmachen: Zum einen wird der Ansatz in der Kleinkindpädagogik über das Projekt Kinderwelten e.V. in Berlin und in einigen weiteren Bundesländern in verschiedenen Kindertagesstätten umgesetzt und fließt in die Weiterbildung von Erzieher_innen ein. Zum anderen gibt es seit einigen Jahren intensive Bemühungen, Anti-Bias im Grundschulbereich zu implementieren (vgl. www.starke-kinder-machen-schule.de - ein Projekt von Fipp e.V.). Für die (außer)schulische Jugendarbeit jedoch steht eine fundierte Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten im Rahmen von Anti-Bias noch aus.
Zentrale Schritte der Sensibilisierung, Konzeptarbeit und Praxisentwicklung sind in Zusammenarbeit mit Multiplikator_innen der Jugendsozialarbeit für 2009 geplant.
Die Bedeutung der Anti-Bias-Arbeit in der Bildungslandschaft nimmt seit einigen Jahren kontinuierlich zu.
Zu den Literaturhinweisen gelangen Sie hier.